Albertina

Albertina

Info
Zusatzinformationen

weitere Bezeichnung: Graphische Sammlung Albertina (ab 1.8.1921)

Schlagwörter

Am 4. Juli 1776, dem US-amerikanischen Unabhängigkeitstag, übergab der kaiserliche Gesandte Giacomo Durazzo in Venedig Herzog Albert von Sachsen-Teschen (1738–1822) und dessen Frau Marie Christine (1742–1798) eine Sammlung von Kupferstichen, die sie zwei Jahre zuvor in Auftrag gegeben hatten. Dies stellte den Auftakt für die Gründung einer der bedeutendsten grafischen Sammlungen der Welt dar. Als sich Albert und Marie Christine infolge der Französischen Revolution und des Verlustes der Österreichischen Niederlande 1794 in Wien niederließen, wurde die Kunstsammlung in ihrem Palais, der heutigen Albertina, untergebracht. Von Wien aus kaufte das Paar erstklassige Sammlungskonvolute, darunter die Nachlässe von Charles Antoine Prince de Ligne, Cornelis Poos van Amstel sowie Gottfried Winckler. Dadurch kamen Werke von Michelangelo, Raffael oder Leonardo da Vinci sowie bedeutende niederländische Zeichnungen des 17. und 18. Jahrhunderts an die Albertina. Im Tausch gegen Druckgrafiken überließ Kaiser Franz II. (I.) Albert 500 Zeichnungen der kaiserlichen Hofbibliothek, darunter der "Hase" oder das "Rasenstück" Albrecht Dürers sowie Werke von Raffael und Rembrandt. Bis zu seinem Tod 1822 hatte Albert die Sammlung v. a. mithilfe des Vermögens seiner Frau auf ca. 200.000 Druckgrafiken (davon 43.600 der italienischen, 38.700 der deutschen, 32.200 der französischen, 31.000 der niederländischen und 5.100 der englischen Schule) sowie 14.000 Zeichnungen erweitert. In seinem Testament aus dem Jahr 1816, in dem er seinen Adoptivsohn Erzherzog Carl (1771–1847) zum Universalerben einsetzte, bestimmte Albert die Grafiksammlung zum Familienfideikommiss, also zum unveräußerbaren und unteilbaren Gut. War die Sammlung, die Carl auf ca. 16.000 Zeichnungen und 220.000 Stiche erweiterte, zunächst nur Künstlern und Gelehrten vorbehalten, so wurde sie einem breiteren Publikum erst unter dessen Sohn Erzherzog Albrecht (1817–1895) zugänglich. 1899, als die Werke bereits im Eigentum von Albrechts Neffen Erzherzog Friedrich (1895–1936) standen, zeigte man die erste Ausstellung – Zeichnungen Albrecht Dürers – in der Albertina.

1919 wurde das erzherzogliche Palais samt der Kunstsammlung der Republik Österreich einverleibt. Im Zuge dessen erfolgte die Zusammenführung der Albertina mit der Kupferstichsammlung der kaiserlichen Hofbibliothek, womit die 18.000 Zeichnungen und 220–230.000 druckgrafischen Blätter erzherzoglicher Provenienz mit über 5.000 (Architektur-)Zeichnungen und 550–600.000 druckgrafischen Arbeiten aus ehemaligem kaiserlichen Eigentum vereint wurden. Hinzu kamen ca. 2.000 Architekturzeichnungen aus öffentlichen Archiven. Aus der Zusammenführung der Druckgrafiken wurden besonders unter Alfred Stix, Direktor ab 1923, Doubletten veräußert, um Neuankäufe zu finanzieren. Unter Stix wuchs die Anzahl der Zeichnungen um ca. 3.400 Blätter. Im Mai 1934 wurde die Albertina der Nationalbibliothek und damit deren Leiter Josef Bick unterstellt, der vier Jahre später, nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich, aufgrund seiner jüdischen Herkunft abgesetzt und in der Folge in das Konzentrationslager Dachau abtransportiert wurde. Gleichzeitig erfolgte die Entkopplung der Graphischen Sammlung Albertina von der Nationalbibliothek, und sämtliche Museumsbedienstete wurden, sofern sie den "rassischen" Kriterien entsprachen, auf Adolf Hitler vereidigt. Die kommissarische Leitung übernahm Bicks bisheriger Stellvertreter Anton Reichel, der aufgrund seines angeschlagenen Gesundheitszustandes häufig von Kurator Heinrich Leporini vertreten wurde. Beide brüsteten sich damit, während der "Verbotszeit" die einzigen Nationalsozialisten in der Albertina gewesen zu sein. Auf Leporinis Betreiben erfolgte im Oktober 1938 die Entlassung des Kunsthistorikers Otto Benesch aufgrund seiner Ehe mit der als "Halbjüdin" geltenden wissenschaftlichen Sekretärin Eva Benesch, née Steiner, die bereits kurz nach dem "Anschluss" abgesetzt worden war. An ihre Stelle trat Magdalena Junk; die Position des ebenfalls entlassenen Kurators Benno Fleischmann erhielt über persönlichen Auftrag von Staatssekretär Kajetan Mühlmann der Schriftsteller und Kunsthistoriker George Saiko. Gezielte Ankäufe u. a. in Wien, München, Berlin und Leipzig sollten während dieser Jahre besonders die Sammlungsbestände des 19. und 20. Jahrhunderts erweitern bzw. Lücken schließen, wobei hierunter auch eine Reihe von Erwerbungen aus dem Eigentum verfolgter jüdischer SammlerInnen fiel. Des Weiteren erhielt die Graphische Sammlung Zuwachs durch Zuweisungen seitens des Generalreferats für Kunstförderung, Staatstheater, Museen und Volksbildung sowie der Zentralstelle für Denkmalschutz, an die bezüglich beschlagnahmter bzw. sichergestellter Sammlungen regelrechte Wunschlisten gerichtet wurden. Einen anderen Erwerbungsschwerpunkt bildeten die gezielten Ankaufsreisen des Kurators Bernhard Degenhart nach Italien, der Werke der italienischen Moderne bei den Künstlern selbst akquirierte. Eine zusätzliche Erweiterung erfuhr die Albertina aufgrund der Gründung der Miniaturensammlung als eigenem Sammlungsbestand, wofür sich besonders Leporini bei Mühlmann eingesetzt hatte. Andere staatliche Sammlungen wie das Kunsthistorische Museum, die Akademie der bildenden Künste, das Staatliche Kunstgewerbemuseum in Wien, die Österreichische Galerie und die Porträtsammlung der Nationalbibliothek, hatten ihre Elfenbein-Kleinbildnisse an die Albertina abzugeben; außerdem sollten, subventioniert von der Wiener Reichsstatthalterei, Miniaturen geflohener jüdischer SammlerInnen erworben werden.

Noch vor Kriegsbeginn reagierte die Albertina – wie die meisten anderen Häuser auch – auf die Weisung, die Sammlungsbestände nach Wert und Qualität zu kategorisieren und für den Abtransport in verschiedene Bergungsorte vorzubereiten. Zunächst wurden die bedeutendsten Stücke nach Gaming verbracht, um kurz darauf wieder nach Wien zurücktransportiert zu werden, wo sie in einem Banknotentresor der Reichsbankhauptstelle Wien, der heutigen Nationalbank, deponiert wurden. Die Einlagerung in verschiedenen Innenstadttresoren erfolgte auf Initiative George Saikos, in dessen Zuständigkeit die Bergung der Albertina-Bestände fiel. Entgegen dem Bestreben des Bergungsleiters der Reichsstatthalterei, Ludwig Berg, versuchte er die dezentralen Bergungen abzuwehren, was ihm bis auf eine Bergung von fünfzig Kassetten in Schloss Ernegg bei Steinakirchen am Forst sowie einen Transport von ebenso vielen Konvoluten nach Lauffen bei Bad Ischl Ende 1944, gelingen sollte. Um trotz der Abwesenheit des Großteils des Museumsinventars Ausstellungen durchzuführen, wurde während des Krieges die Ausstellungsreihe "Die unbekannte Albertina" ins Leben gerufen, bei der Faksimiles gezeigt wurden. Zudem forcierte man die Präsentation von Werken lebender Künstler. Während die Sammlung aufgrund der Bergungen von Luftangriffen unbeschädigt blieb, wurde der nordöstliche Gebäudeteil des Albertina-Palais am 12. März 1945 durch einen Bombentreffer zerstört.

Nach Kriegsende wurde der prononcierte Nationalsozialist Leporini, der die Direktion nach Reichels Tod im Februar 1945 übernommen hatte, gemäß Verbotsgesetz als "tragbar" erklärt und in den dauernden Ruhestand versetzt. Nach einem nur wenige Tage dauernden Intermezzo mit Saiko als Direktor trat Karl Garzarolli-Thurnlackh diese Position an. Unter ihm eröffnete die Albertina am 1. Juni 1946 wieder ihre Türen für die Öffentlichkeit. Außerdem führte Garzarolli eine größere Tauschaktion mit der New Yorker Carnegie Hall durch, die Doubletten aus der Albertina erhielt. Nach seiner Rückkehr aus dem US-amerikanischen Exil 1947 wurde Otto Benesch zum Direktor der Albertina ernannt. Obwohl selbst von NS-Verfolgung betroffen, war er in einigen Fällen von während der Jahre 1938 bis 1945 entzogenen Kunstsammlungen daran beteiligt, dass Ausfuhrverbote über restituierte Werke verhängt und geschenkweise oder günstig der Albertina überlassen wurden.

Waren seit Mai 1934 ca. 4.000 Zeichnungen und 3.000 Druckgrafiken erworben worden, so wuchs der Sammlungsbestand der Albertina unter Otto Benesch um 3.600 Zeichnungen sowie 2.400 Druckgrafiken. Heute umfasst der Sammlungsbestand der Albertina rund 40.000 Zeichnungen und Aquarelle, 25.000 Architekturzeichnungen, die als eigene Abteilung geführt werden, sowie mindestens 900.000 Blättern Druckgrafik.

Seit der Implementierung des Kunstrückgabegesetzes 1998 wurden zahlreiche Werke aus der Albertina, die in der Zeit von 1938 (1933) bis in die Gegenwart erworben worden waren, zurückgegeben. Hier reihen sich Namen prominenter SammlerInnen, wie sie auch in Restitutionsempfehlungen aus anderen Bundesmuseen auftauchen, neben jene Personen, die lediglich auf dem Gebiet des Sammelns von Zeichnungen oder Druckgrafik aktiv waren. Empfehlungen des Kunstrückgabebeirates erfolgten hinsichtlich folgender Sammlungen: Alexander Beer, Gaston Albert Belf, Michael Berolzheimer, Rudolf Bittmann, Josef Blauhorn, Ferdinand Bloch-Bauer, Betty Blum, Oscar Bondy, Otto Brill, Caroline Czeczowiczka, Valerie Eisler, Arthur Feldmann, Adella Feuer, Julius Freund, David Goldmann, Fritz Grünbaum, Moriz Grünebaum, Henri und Pauline Grünzweig, Rudolf Gutmann, Valerie Heissfeld, Bruno Jellinek, Hubert Jung, Eva Kantor, Siegfried Kantor, Maximilian Kellner, Gustav Kirstein, Hermann Kolisch, Hans Körbel, Hans Lothar Körner, Gottlieb Kraus, Moritz Kuffner, Siegfried Lämmle, Erich Lederer, Hans Leinkauf, Julius Mannaberg, Karl Mayländer, Alfred und Fritz Menzel, Edith Oser-Braun, Adele Pächter, Ignatz Pick, Albert Pollak, Oskar Reichel, Armin Reichmann, Heinrich Rothberger, Clarice und Louis Rothschild, Marianne Schmidl, Gertrude Schüller, Luise Simon, Valentine Springer, Emerich Ullmann, Richard Weinstock, Josefine Winter sowie Mary Wooster.

Author Info
Veröffentlichungsdatum
Publikationen zur Person / Institution

Barbara Dossi, Albertina. Sammlungsgeschichte und Meisterwerke, München-New York 1998.

Christoph Gnant, "Verpflichte Mich und Meine Nachfolger im Reiche zu dessen genauer Handhabung". Die Entstehung des Familienfideikommisses "Albertina", in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die Gründung der Albertina. 100 Meisterwerke der Sammlung, Wien 2014, 41–47.

Eva Michel, "Vielleicht die schönste und erlesenste in Europa". Die Sammlung Herzog Alberts von Sachsen-Teschen, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die Gründung der Albertina. 100 Meisterwerke der Sammluing, Wien 2014, 13–33.

Pia Schölnberger, Ein "deutsches" Kunstinstitut. Die Albertina in der NS-Zeit, in: Neues Museum. Die österreichische Museumszeitschrift (2013) 3, 15 Jahre Provenienzforschung, 10–17.

Pia Schölnberger, "Hier feiert der Luftschutz Orgien". Die Bergungsmaßnahmen der Graphischen Sammlung Albertina unter George Saiko, in: Pia Schölnberger/Sabine Loitfellner (Hg.), Bergung von Kulturgut im Nationalsozialismus. Mythen – Hintergründe – Auswirkungen (= Schriftenreihe der Kommission für Provenienzforschung 6), Wien-Köln-Weimar 2016, 129–148, URL: doi.org/10.7767/9783205201564-008.