Degenhart, Bernhard

Bernhard Degenhart

DKA_Bernhard Degenhart
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4.5.1907 München – 3.9.1999 München

Ab 1926 studierte Bernhard Degenhart Kunstgeschichte in München, Wien und Berlin. Seine Dissertation über Lorenzo di Credi schrieb er zunächst bei August Liebmann Mayer an der Universität München. Nachdem dieser jedoch infolge einer Reihe von antisemitisch motivierten Anfeindungen, insbesondere von seinem Kollegen Wilhelm Pinder, seine Professur aufgegeben hatte, beendete Degenhard seine Doktorarbeit 1931 bei dem prononcierten Nationalsozialisten Pinder. Einem wissenschaftlichen Volontariat bei den Staatsgemäldesammlungen in München folgten ein Stipendium am Kunsthistorischen Institut in Florenz sowie von 1933 bis 1939 eine Anstellung als Assistent an der Biblioteca Hertziana (ab 1938 "Kaiser-Wilhelm-Institut für Kunst- und Kulturwissenschaft im Palazzo Zuccari") in Rom. Die 1935 geschlossene Ehe mit seiner Kollegin, der Fotografin und Kunsthistorikerin Hilde Lotz-Bauer (1907–1999), sollte nur vier Jahre halten. Degenhart veröffentlichte zu der Zeit u. a. Arbeiten über Künstler des Quattrocento und der Venezianischen Malerei sowie seinen berühmten Aufsatz "Zur Graphologie der Handzeichnung". In seinem 1939 an Staatssekretär Kajetan Mühlmann gerichteten Bewerbungsschreiben für eine Anstellung an der Graphischen Sammlung Albertina gab Degenhart an, Mitglied der Auslandsorganisation der NSDAP zu sein. Die Bemühungen lohnten sich: Im September 1939 trat er die Stelle als Kustos in der Albertina an. In Wien lernte er Anton Faistauers letzte Lebensgefährtin, die Keramikerin Adelgunde Krippel (1900–1986), kennen, die er 1943 heiratete. Obwohl Gundl Krippel-Degenhart jüdischer Herkunft war, unterhielt sie exzellente Kontakte zur Wiener Kunstszene, so auch zu Mühlmann. Für das Den Haager Büro der "Dienststelle Mühlmann", verantwortlich für die Beschlagnahme und Verwertung von holländischem Kunstgut, war Degenhart in den Jahren 1940/41 u. a. gemeinsam mit Franz Kieslinger und Eduard Plietzsch tätig. Die Aufforderung seitens der Reichsstatthalterei in Wien, die Leitung der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums an Bruno Grimschitz' Stelle weiterzuführen, schlug er im März 1941 aus. Zu der Zeit befasste er sich wissenschaftlich insbesondere mit Antonio Pisanello. Als Degenhart dann ab Beginn des Jahres 1943 als Soldat der zur Einhaltung des italienisch-französischen Waffenstillstands gebildeten Waffenstillstandskommission in Turin stationiert war, stellte ihm die Reichsstatthalterei in Wien Geldmittel für den Ankauf zeitgenössischer italienischer Grafik für die Albertina zur Verfügung. Bei seinen Ankaufsreisen erwarb er in der Folge Grafiken namhafter Künstler wie Giorgio de Chirico, Marino Marini und Alberto Morandi, wobei er unter Ausnützung der Kriegsverhältnisse oft äußerst günstig bei den Künstlern direkt kaufte. Weniger erfolgreich war er bei einer ähnlichen Aktion in Nizza, wo er im Mai 1943 im Atelier von Henri Matisse Werke auswählte und bezahlte. Matisse, der selbst durch das NS-Regime in zunehmende Bedrängnis geriet, sollte die Blätter, auch nach immer ungeduldigeren Nachfragen aus Wien, letztlich nie an die Albertina senden. In den letzten Wochen vor Kriegsende, im April 1945, arbeitete Degenhart für den italienischen Kunstschutz bei seinem mittlerweile in Meran stationierten früheren Vorgesetzten an der Hertziana, Leo Bruhns, und Joseph Ringler, dem vor- wie nachmaligen Direktor des Tiroler Volkskunstmuseums. Wohl infolge seiner Dienstenthebung an der Albertina blieb er auch in den darauffolgenden Jahren in Italien und lehrte am Istituto di Studi Germanici in Rom, bis er 1949 eine Anstellung als Konservator an der Staatlichen Graphischen Sammlung München erhielt, zu deren Direktor er 1965 avancierte. Diese Position hatte er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1971 inne. Während dieser Jahre arbeitete er gemeinsam mit seiner Kollegin und dritten Ehefrau Annegrit Schmitt (geb. 1929) an seinem Opus magnum "Corpus der italienischen Zeichnungen 1300–1450". 2011 versteigerte das Auktionshaus Ketterer Kunst ein Konvolut zahlreicher an Bernhard Degenhart geschickter Künstlerbriefe aus dessen Nachlass, die für die Abfassung des vorliegenden Beitrages jedoch bis dato nicht eingesehen werden konnten.

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Publikationen zur Person / Institution

Lee Sorensen, Degenhart, Bernhard, in: Dictionary of Art Historians, URL: arthistorians.info/degenhartb (3.12.2020).

Christian Fuhrmeister/Susanne Kienlechner, Tatort Nizza: Kunstgeschichte zwischen Kunsthandel, Kunstraub und Verfolgung, in: Olaf Peters/Ruth Heftrig/Barbara Schellewald (Hg.), Kunstgeschichte im "Dritten Reich": Theorien, Methoden, Praktiken, Berlin 2008, 405–429.

Günther Haase, Kunstraub und Kunstschutz. Eine Dokumentation, Bd. 1, 2., erw. Aufl., Norderstedt 2008.

Jonathan Petropoulos, The Faustian Bargain. The Art World in Nazi Germany, Oxford 2000.

Willibald Sauerländer, Nachruf auf Bernhard Degenhart, in: Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (2000), badw.de/fileadmin/nachrufe/Degenhart%20Bernhard.pdf (3.12.2020).

Ketterer Kunst, Auktion 385 am 21.11.2011, Hamburg, Lot 1487: Bernhard Degenhart. Künstlerbriefe an Degenhart: www.kettererkunst.de/kunst/kd/details.php?obnr=411101560&anummer=385&detail=1 (3.12.2020).

Publikationen der Person / Institution

Bernhard Degenhart, Die Schüler des Lorenzo di Credi, in: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst (1932) NF 9, 2, 95–161.
Bernhard Degenhart, Unbekannte Zeichnungen der Uffizien, in: Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz (1933) 4, 2/3, 119ff.
Bernhard Degenhart, Zur Graphologie der Handzeichnung. Die Strichbildung als stetige Erscheinung innerhalb der italienischen Kunstkreise, in: Kunstgeschichtliches Jahrbuch der Bibliotheca Hertziana (1937) 1, 223–343.
Bernhard Degenhart, Unbekannte Zeichnungen Francescos di Giorgio, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 8 (1939) 3/4, 117–150.
Bernhard Degenhart, Eine Landschaftszeichnung von Hans Mielich, in: Pantheon 23 (1939), 209–209.
Bernhard Degenhart, Dürer oder Basaiti? Zu einer Handzeichnung der Uffizien, in: Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz (1940) 5, 6, 423–428.
Bernhard Degenhart, Ein Beitrag zu den Zeichnungen Gentile und Giovanni Bellinis und Dürers erstem Aufenthalt in Venedig, in: Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen 61 (1940), 37–47.
Bernhard Degenhart, Eine Zeichnung von Giusto Padovano, in: Pantheon 26 (1940), 217–222.
Bernhard Degenhart, Kleine Beiträge zur Kunstgeschichte des Palazzo Zuccari, in: Römisches Jahrbuch für Kunstgeschichte 4 (1940), 435–436.
Bernhard Degenhart, Antonio Pisanello, Wien 1940.
Bernhard Degenhart, Zur Ausstellung der Sammlung Otto Lanz im Rijksmuseum von Amsterdam, in: Pantheon 27 (1941), 34–40.
Bernhard Degenhart, Antonio Pisanello, 3., erw. Aufl., Wien 1942.
Bernhard Degenhart, Europäische Handzeichnungen: Aus 5 Jahrhunderten, Berlin-Zürich 1943.
Bernhard Degenhart, Das Wiener Bildnis Kaiser Sigismunds. Ein Werk Pisanellos, in: Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien / Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses 13 (1944), 359–376.
Bernhard Degenhart, Zur Wiederentdeckung der "Loggetta" Raffaels im Vatikan, in: Zeitschrift für Kunst 3 (1949) 3, 157–159.
Bernhard Degenhart, Italienische Zeichnungen des frühen 15. Jahrhunderts, Basel 1949.
Bernhard Degenhart, Italienische Zeichner der Gegenwart, hg. v. Italienischen Kulturinstitut München, Zürich 1956.
Bernhard Degenhart, Marcello Mascherini, Kunsthalle Bremen, 7. November–15. Dezember 1958, Ausstellungskatalog, Bremen 1957.
Bernhard Degenhart, Der Bildhauer Emilio Greco, Berlin 1960.
Bernhard Degenhart, Emilio Greco, Wiener Künstlerhaus, April–Mai 1960, Ausstellungskatalog, Wien 1960.
Bernhard Degenhart, Marées Zeichnungen, 2. verm. Aufl., Berlin 1963.
Bernhard Degenhart, Die kunstgeschichtliche Stellung des Codex Altonensis, Berlin 1965.

Bernhard Degenhart/Karl-Heinz Hering/Ewald Rathke, Italienische Aquarelle und Zeichnungen der Gegenwart, Staatliche graphische Samlung München, 15. März–30. April 1960, Ausstellungskatalog, Düsseldorf 1960.

Bernhard Degenhart/Theodor Heuß, Hans von Marées. Die Fresken in Neapel, München 1958.

Bernhard Degenhart/Annegrit Schmitt, Gentile da Fabriano in Rom und die Anfänge des Antikenstudiums, München 1960.
Bernhard Degenhart/Annegrit Schmitt, Corpus der Italienischen Zeichnungen: 1300–1450, 3 Teile, Berlin 1968–2004.
Bernhard Degenhart/Annegrit Schmitt, Frühe angiovinische Buchkunst in Neapel. Die Illustrierung französischer Unterhaltungsprosa in neapolitanischen Scriptorien zwischen 1290 und 1320, in: Friedrich Piel (Hg.), Festschrift Wolfgang Braunfels, Tübingen 1977, 71–92.

Peter Halm/Bernhard Degenhart/Wolfgang Wegner, Hundert Meister-Zeichnungen aus der Staatlichen Graphischen Sammlung München, München 1958.

Archivalien

KHM-Archiv, 364/KL1938, Ersuchen Dr. Bernhard Degenharts um eine Anstellung in der Albertina; 104/KL/1941, Bestellung des Dr. Degenhard zum Leiter der Gemäldegalerie.

WStLA, Wiener historische Meldeunterlagen, Meldeauskunft Bernhard Degenhart.

NARA, Ardelia Hall Collection, OMGUS Records, Kunstschutz, Phase III: September 1944–May 1945, Staff.