Vugesta

Vugesta – Verwaltungsstelle für jüdisches Umzugsgut der Gestapo

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Zusatzinformationen

weitere Bezeichnungen: VJU, Vugestap

übergeordnete Behörde: Gestapoleitstelle Wien

Am 1. August 1940 erhielt die Gestapoleitstelle Wien einen Erlass des Reichsinnenministeriums, der anordnete, die Sach- und Vermögenswerte von emigrierten Jüdinnen und Juden, die bei Speditionen oder öffentlichen Lagerhäusern deponiert wurden und die unter die Bestimmungen über die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft und den Verfall des Vermögens fielen, einzuziehen. Vor der NS-Verfolgung geflüchtete Familien hatten ihre Umzugsgüter – von Hausrat über Wäsche bis hin zu wertvollen Einrichtungsgegenständen – bei Speditionen zur Verpackung und zum Abtransport eingelagert. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte den Abtransport der Güter aus Wien unmöglich gemacht, und die bereits in Verschiffungshäfen verbrachten Umzugslifts waren liegen geblieben. Mit Erhalt des Erlasses zeigte die Gestapo Wien Interesse an der Schaffung einer Organisation, die der Verwertung der Umzugsgüter diente. Zudem drängte die NSDAP vor allem darauf, diese Güter, die Mangelware darstellten, dem geregelten Konsum zuzuführen. Der stellvertretende Leiter der Gestapoleitstelle Wien Karl Ebner trat in der Folge in Kontakt mit dem Direktor und Wiener Beauftragten der Reichsverkehrsgruppe Spedition und Lagerei Karl Herber. Herber erklärte sich zur Kooperation bereit und errichtete in Absprache mit Vertretern der Speditionen eine Abrechnungsstelle – die Verwaltungsstelle für jüdisches Umzugsgut der Geheimen Staatspolizei, kurz Vugesta (Arbeitstitel: VJU, anfangs auch Vugestap), die er fortan leitete. Herber sollte über ca. 20 MitarbeiterInnen verfügen, zu denen zahlreiche Schätzmeister wie Bernhard Witke, Leopold Berka, Julius Fargel, Anton Grimm und Adolf Wawra gehörten und konnte zudem jüdische ZwangsarbeiterInnen heranziehen. Sitz der Vugesta war in Herbers Büro am Bauernmarkt 24 in Wiens Innenstadt. Im Einvernehmen mit dem Reichssicherheitshauptamt und dem Finanzamt Moabit-West nahm die Vugesta am 7. September 1940 ihre Tätigkeit auf. Sie fungierte fortan als verlängerter Arm der Wiener Gestapo, war aber dennoch eine Interessensvertretung der Speditionen und agierte als privatwirtschaftliche Stelle. Als Gegenleistung für die Erfüllung ihrer Aufgaben wurde ihr von der Gestapo eine Pauschalvergütung von 2 %, später 3 % der Erlöse zugesagt. Zugleich sollten aus den Verwertungserlösen die bis zum Zeitpunkt der Verwertung angefallenen Spesen und Lagerkosten an die Speditionen refundiert werden. Die MitarbeiterInnen der Vugesta verwerteten in den folgenden Jahren die Umzugslifts von etwa 5.000 geflüchteten Familien zugunsten der Reichskassen. Die konkrete Vorgehensweise sah so aus, dass die Speditionen die lagernden Umzugsgüter an die Vugesta meldeten. Diese überprüfte deren Angaben und holte mit von der Gestapo zur Verfügung gestellten politischen Laufzetteln Informationen bei verschiedenen Behörden wie dem Zentralmeldeamt, Wohnungsamt, Finanzamt, etc. ein. Damit sollte eruiert werden, ob die jeweiligen Umzugsgüter unter die Beschlagnahmebestimmungen fielen. Die Akten wurden daraufhin der Gestapo zur Fertigung vorgelegt. Mit dem Ausspruch der Beschlagnahme war die Vugesta über die betroffenen Umzugsgüter verfügungsberechtigt. Der Verkauf der beschlagnahmten Güter erfolgte zunächst über die Versteigerungsanstalt Dorotheum. Da diese aber die riesigen Mengen an Alltagsgegenständen nicht aufnehmen konnte und, um die Güter für einen weiteren Personenkreis erschwinglich zu gestalten, richtete die Vugesta ab Beginn des Jahres 1941 Freihandverkaufsaktionen zunächst in der Rotunde im Wiener Prater, dann in Hallen des Messegeländes und in den Sophiensälen ein. Güter mit einem Schätzwert von über 1.000 Reichsmark wurden weiterhin an das Dorotheum übergeben. Der Kreis der zugelassenen Personen bei den Freihandverkäufen war begrenzt, wobei vor allem sozial Schwächere und kinderreiche Familien bevorzugt wurden, womit eine sozialpolitische Aufgabe erfüllt werden sollte. Aber auch MitarbeiterInnen der Speditionen, der Gestapo, der Vugesta und NSDAP-Mitglieder profitierten von der gigantischen Umverteilung von Alltagsgegenständen. Derart gelangten über die Vugesta auch Kunst- und Kulturgüter, die bereits zur Ausfuhr freigegeben waren, neuerlich in die Verfügungsgewalt des NS-Regimes. Bei den Verkaufsaktionen galt der "Führervorbehalt". Wurde dieser nicht angewandt, kamen andere zum Zug. Die Vetternwirtschaft florierte: Nazigranden und NS-Günstlinge sowie Personen aus dem Umkreis der Vugesta und Gestapo gelangten sehr billig an Möbel, Antiquitäten und Kunstwerke. Schätzmeister wie Bernhard Witke, Anton Grimm und Leopold Berka, die eigene Antiquitätenhandlungen neben ihrer Tätigkeit bei der Vugesta betrieben, bestückten ihre Warenlager mit beschlagnahmten Umzugsgütern. Bilderverkäufe führte die Vugesta in der Ausstellungshalle des ehemaligen Hagenbundes in der Zedlitzgasse sowie in Räumlichkeiten der Reichsstatthalterei in der Herrengasse 13 in Wien 1 durch. Als später die systematische Deportation der Wiener Jüdinnen und Juden anlief, wurde deren in den Sammelwohnungen zurückgelassenes Hab und Gut verwertet, wenngleich nicht von der Vugesta, sondern von einer ihr nahe stehenden Organisation – der so genannten Möbelverwertungsstelle Krummbaumgasse, die die zwei Schätzmeister Bernhard Witke und Anton Grimm leiteten. Einige Geschäftsbereiche liefen dennoch über die Vugesta, wie beispielsweise die Personalverrechnung der bei der Möbelverwertungsstelle Krummbaumgasse tätigen Arbeiter und Sekretärinnen. Herber hatte sich angeblich geweigert, die Veräußerung und Abwicklung des Deportiertenbesitzes zu übernehmen, weshalb Karl Ebner diese Aufgabe direkt an Bernhard Witke übertrug. Im Falle der Sammlung von Gisela und Ernst Pollack – deren Nachbar Herber war – ist jedoch evident, dass Herber seine Bedenken fallen ließ. Er übernahm die Räumung der wertvollen Wohnungseinrichtung des Ehepaares nach deren Deportation im Juni 1942 für die Vugesta und nutzte die Gelegenheit, um zahlreiche Kunstwerke aus der Sammlung Pollack für sich privat zu erwerben.

Wann die Vugesta ihre Tätigkeit beendete, ist nicht eindeutig geklärt, die Freihandverkäufe wurden wahrscheinlich um die Jahreswende 1943/44, die Tätigkeit der Vugesta insgesamt Ende 1944 eingestellt. Schätzungsweise 10 Millionen Reichsmark wurden über das Dorotheum und 5 Millionen Reichsmark über die Freihandverkäufe umgesetzt. An historischen Aktenbeständen der Vugesta sind lediglich eine Kartei sowie die dazu gehörigen Geschäftsbücher erhalten geblieben. Darin sind die Namen und Adressen der ehemaligen EigentümerInnen sowie summarisch die erzielten Verkaufserlöse im Dorotheum und bei den Freihandverkäufen verzeichnet; selten sind ErwerberInnen von Umzugsgütern oder ein genauer Zeitpunkt der Verwertung vermerkt. Bis heute sind die dokumentierten Konten und Zahlen bzw. Zahlencodes nur teilweise entschlüsselt. Aufgrund der spärlich erhaltenen Quellen ist daher für die Erforschung der Vugesta die Heranziehung von komplementären Quellenbeständen notwendig, insbesondere von Akten der nach 1945 geführten Volksgerichtsprozesse gegen MitarbeiterInnen der Vugesta und der Gestapo.

Die heutige Provenienzforschung steht vor dem Hintergrund der dürftigen Quellenlage und der gigantischen Umverteilungsvorgänge durch die Vugesta vor einer schwierigen Aufgabe. Die Vugesta war maßgeblich an der "Verwertung" unzähliger Wiener Kunstsammlungen beteiligt, etwa an jenen von: Bernhard Altmann, Richard Beer-Hofmann, Hugo Blitz, Oscar Bondy, Caroline Czeczowiczka, Hans Engel, Ernst Egger, Josef Freund, Elsa Gall, Robert Gerngross, Daisy Hellmann, Bruno Jellinek, Siegfried Kantor, Gottlieb Kraus, Klara Mertens, Moriz und Stefan Kuffner, Stefan Mautner, Oskar Reichel, Louise Simon oder Siegfried Trebitsch. Beinahe alle österreichischen Bundes- und Landesmuseen bzw. -sammlungen erwarben oder erhielten während der NS-Zeit Kunstwerke von der Vugesta, und im Kunsthandel tauchen bis heute Objekte auf, die aus Umzugslifts geflohener Jüdinnen und Juden stammen.

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Publikationen zur Person / Institution

/node/1655Gabriele Anderl/Edith Blaschitz/Sabine Loitfellner/Mirjam Triendl/Niko Wahl, "Arisierung" von Mobilien (= Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission. Vermögensentzug während der NS-Zeit sowie Rückstellungen und Entschädigungen seit 1945 in Österreich 15), Wien-München 2004, URL: hiko.univie.ac.at/PDF/15.pdf (3.12.2020).

Sabine Loitfellner, Arisierungen während der NS-Zeit und ihre justizielle Ahndung vor dem Volksgericht Wien 1945–1955. Voraussetzungen – Analyse – Auswirkungen, Diplomarbeit Universität Wien 2000.

Sabine Loitfellner, Die Rolle der Verwaltungsstelle für jüdisches Umzugsgut der Gestapo (Vugesta) im NS-Kunstraub, in: Gabriele Anderl/Alexandra Caruso (Hg.), NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen, Innsbruck-Wien-Bozen 2005, 110–120.

Sabine Loitfellner/Monika Wulz, Dorotheum und Vugesta als Institutionen der NS-Kunstenteignung, in: Ingrid Bauer/Helga Embacher (Hg.), Sechster Österreichischer Zeitgeschichtetag 2003, Innsbruck 2004, 209–213.

Archivalien

BDA-Archiv, Restitutionsmaterialien, K. 10, Posse Korrespondenz.

OeStA/AdR, EuReang, Abwicklungsstelle der Vermögensverkehrsstelle, Vugesta-Kartei und 9 Bände Vugesta-Geschäftsbücher (o. Sig.).

WStLA, Volksgericht, A1, VgVr 2272/48, Karl Herber.
WStLA, Volksgericht, A1, VgVr 2331/45, Bernhard Witke.
WStLA, Volksgericht, A1, VgVr 1223/47, Karl Ebner.
WStLA, Volksgericht, A1, VgVr 2309/45, Leopold Berka.