Freund, Wilhelm

Wilhelm Freund

Ein mit Stroh gedecktes, weißes Bauernhaus, links vor dem Haus sechs weiße Gänse, die durch ein Gatter gehen  und rechts einen Mann, barfuß, mit Hut und bäuerlicher Tracht, Gemälde
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2.5.1915 Pilsen / Plzeň – 4.9.1963 London

Der als Jude verfolgte Wilhelm Freund meldete sich 1938 aus Wien zum Studium der Rechtswissenschaft ins britische Oxford ab. Als einziger Sohn von Bankdirektor Richard Freund (1878–1934) und Gina Freund, née Rubel (1892–1935), war er Alleinerbe der elterlichen Kunstsammlung. 1938 suchte er um Ausfuhrbewilligung für sein bei der Spedition Gustav Knauer eingelagertes Umzugsgut an. Der Ausfuhrbescheid vom November 1938 nahm Bezug auf ein Protokoll des Schätzmeisters Ivo Hans Gayrsperg, das neben Gemälden von Max Liebermann und Franz von Lenbach auch Silberwaren, Kunsthandwerk und andere Gebrauchsgüter dokumentierte. Von der Bewilligung ausgenommen waren neun Objekte. Die Wiener Magistratsabteilung 50 stellte diese im Dezember 1938 sicher und ordnete deren Verbringung ins Kunsthistorische Museum an. Darunter befanden sich die Gemälde Medea an der Urne von Anselm Feuerbach, Ungarisches Bauernhaus von Anton Romako, Lesende Dame in türkischem Kostüm von Friedrich Amerling, ein Damenbildnis von Hans Canon sowie eine Landschaftsdarstellung von Arnold Böcklin. 1939 kaufte die Österreichische Galerie die Werke Feuerbachs und Romakos an und zahlte den Gesamterlös von 45.500 Reichsmark abzüglich Lagergebühren auf ein Sperrkonto Freunds ein. Laut Bruno Grimschitz, dem Direktor der Österreichischen Galerie, lag allein der Wert der Medea bei 80.000 Reichsmark. Die Gemälde von Canon, Böcklin und Amerling wurden 1939 der Zentralstelle für Denkmalschutz zur Verwahrung übergeben. Sämtliche Bemühungen von Freunds Rechtsanwalt, das eingelagerte Umzugsgut auszuführen, scheiterten offenbar. Auf Weisung der Gestapo fand 1941 der Abtransport des Lagergutes von der Spedition Knauer und die Versteigerung durch die Vugesta statt. Gemäß § 6 der Verordnung über den Verlust der Protektoratsangehörigkeit vom 2. November 1942 wurde 1943 die Ausbürgerung Wilhelm Freunds und damit der Verfall seines Vermögens an das Deutsche Reich im Reichsanzeiger veröffentlicht. Das Institut für Denkmalpflege verbrachte die Werke Canons, Böcklins und Amerlings 1944 zur Bergung in das Salzbergwerk Altaussee.

Anders als viele Objekte in Altaussee wurden die Stücke aus der Sammlung Freund nach Kriegsende nicht in den Münchner Central Collecting Point überführt, sondern blieben im Bergwerk. Die United State Forces in Austria übergaben diese im März 1946 mit dem Vermerk "Freund, Wien" in die Verwaltung des Bundesdenkmalamts, welches die Werke in den 1950er-Jahren in das Depot Bodenkreditanstalt, 1966 in die ehemalige Kartause Mauerbach verlagerte. Für das Böcklin-Gemälde begehrte ein Anspruchsteller nach dem Zweiten Kunst- und Kulturgutbereinigungsgesetz offensichtlich fälschlich, dennoch erfolgreich die Herausgabe und erhielt das Bild 1994; die Dame in türkischem Kostüm sowie das Damenbildnis wurden 1996 in der "Mauerbach-Auktion" versteigert. Die Gemälde Medea an der Urne und das Ungarische Bauernhaus hatte die Österreichische Galerie 1946 gemäß Vermögensentziehungs-Anmeldeverordnung als entzogen angemeldet und sogar den ehemaligen Eigentümer inklusive Adresse genannt. Obwohl auch ein Bericht der Finanzlandesdirektion Wien an das Bundesministerium für Finanzen 1969 Medea an der Urne aus der ehemaligen Sammlung Wilhelm Freund "einwandfrei als entzogenes Vermögen identifiziert" hatte, sind keine Bemühungen um eine Restitution aus dieser Zeit dokumentiert. Nach eingehender Untersuchung der Provenienz durch die Kommission für Provenienzforschung empfahl der Kunstrückgabebeirat am 30. Oktober 2002 die Rückgabe der Medea von Anselm Feuerbach und des Ungarischen Bauernhofes von Anton Romako. 2009 erfolgte die Restitution an die ErbInnen nach Wilhelm Freund.

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Publikationen zur Person / Institution

Beiratsbeschluss Wilhelm Freund, 30.10.2002, URL: www.provenienzforschung.gv.at/beiratsbeschluesse/Freund_Wilhelm_2002-10-30.pdf (15.1.2021).

Otto Fritscher, Kontroversen um den "Mauerbach-Schatz". Die Restitutionsverfahren von 1969 bis 1986 (= Austriaca, Schriftenreihe des Instituts für Österreichkunde 3), Wien 2012.

Sophie Lillie, Was einmal war. Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens (= Bibliothek des Raubes 8), Wien 2003.

Sophie Lillie, "Herrenlos"? Die ungeklärte Akte Mauerbach, in: Alexandra Reininghaus (Hg.), Recollecting, Raub und Restitution, Wien 2009, 211–221.

Monika Mayer, Wilhelm Freund, in: Alexandra Reininghaus (Hg.), Recollecting, Raub und Restitution, Wien 2009, 239.

Monika Mayer, "Treuhänderische" Übergaben von Kunstwerken an die Österreichische Galerie im Kontext der aktuellen Provenienzforschung, in: Olivia Kaiser/Christina Köstner-Pemsel/Markus Stumpf (Hg.), Treuhänderische Übernahme und Verwahrung. International und interdisziplinär betrachtet, Göttingen 2018, 187–199, URL: www.vr-elibrary.de/doi/pdf/10.14220/9783737007832 (25.10.2021).

Reichsanzeiger 100, 3.5.1943, URL: digi.bib.uni-mannheim.de/periodika/reichsanzeiger/ausgaben/1943/5/100 (15.1.2021).

Archivalien

Archiv der Österreichischen Galerie Belvedere Wien, Zl. 311/39, Zl. 583/39, Zl. 110/40, Zl. 1083/68.

BArch Berlin, Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg (Reichskommissar für die Behandlung feindlichen Vermögens), R 87/9011, 931/251; R 87/6708.

BDA-Archiv, Restitutionsmaterialien, K. 35, PM Wilhelm Freund.
BDA-Archiv, Restitutionsmaterialien, K. 8, M. 4; K. 8/1, M. 11.

BDA-Ausfuhr, Zl. 9039/38, Wilhelm Freund.

OeStA/AdR, Finanzen, BMF, Zl. 68.042/-16b/69.