Steiner, Jenny

Jenny Steiner

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11.7.1863 Budapest – 2.3.1958 New York

Jenny (Eugenie) Pulitzer, eine von vier Töchtern von Sigmund und Charlotte Pulitzer, heiratete im April 1886 in Budapest den Fabrikanten Wilhelm Steiner, Mitinhaber der 1881 gegründeten Seidenmanufaktur Gebrüder Steiner KG in Wien 7, Westbahnstraße 21. Das Unternehmen erzeugte in Wien, Wels und Grulich (Králíky/Tschechien) Seide, Kunstseide, Baumwoll- und Zellwollstoffe, Krawatten- und Kleiderstoffe sowie Tücher. Das Ehepaar Steiner hatte fünf Kinder: Die 1887 geborene Tochter Gertrude starb 13-jährig an Meningitis. Tochter Daisy, später verehelichte Hellmann, wurde 1890 geboren, Sohn Georg, 1895 geboren, verstarb im Jahr 1926. Im Jahr 1901 folgten die Zwillinge Klara (später verheiratet mit dem Berliner Musikdirektor Andre Mertens) und Anna (verheiratete Weinberg), welche als einzige aus der Familie nach dem Ende des NS-Regimes nach Wien zurückkehren sollte. Die Familie wohnte seit Dezember 1915 in der Beletage des Palais Colloredo-Mannsfeld in der Zedlitzgasse 8 in der Wiener Innenstadt. Nach dem Tod ihres Ehemannes am 15. Juli 1922 führte Jenny Steiner das prosperierende Unternehmen mit über 1000 Beschäftigten gemeinsam mit ihrem Neffen Albert Steiner weiter, die Töchter hielten Anteile am Unternehmen. Sie war wie ihre Schwester Serena Lederer eine wichtige Mäzenin von Gustav Klimt bzw. Förderin der Wiener Secession. 1888 verewigte Klimt alle vier Schwestern Pulitzer (Irma, Aranka, Jenny und Serena) in seinem Gemälde Der Zuschauerraum des alten Burgtheaters und porträtierte später mehrere Familienmitglieder (Gertrude Steiner, Ria Munk, Charlotte Pulitzer, Serena Lederer, Elisabeth-Bachofen-Echt). In Jenny Steiners Kunstsammlung befanden sich neben Zeichnungen und Gemälden von Gustav Klimt und Egon Schiele Werke von Tina Blau, Isidor Kaufmann, Rudolf von Alt, Josef Kriehuber, Eugen Jettl, Alte Meister sowie sakrale Gemälde und Skulpturen. Mehrfach trat sie vor 1938 als Leihgeberin für Ausstellungen in Erscheinung. Jenny Steiners Töchter besaßen ebenfalls Kunstsammlungen.

Nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 musste Jenny Steiner untertauchen, nachdem ihr der Reisepass abgenommen und eine behördliche Passsperre verhängt worden war. Die Töchter Klara und Anna heirateten zum Schein einen französischen (Marcello Grossi) bzw. englischen (Charles Weinberg) Staatsbürger. Jenny gelangte mit Tochter Anna und deren Tochter aus einer früheren Ehe vorerst nach Swinemünde (Świnoujście, Polen), im Sommer 1938 traf sich die gesamte Familie in Paris, bevor Klara nach New York sowie Anna und Daisy nach Brasilien emigrierten. Jenny Steiner, die mangels Ausreisepapieren in Paris verbleiben musste, flüchtete nach dem Überfall auf Frankreich über Nizza nach Portugal, von wo aus sie im Juli 1941 mit einem tschechoslowakischen Visum nach Brasilien emigrieren konnte. Im Dezember 1941 gelangte sie mit Hilfe ihres Großcousins Joseph Pulitzer, amerikanischer Verleger und Stifter des Pulitzer-Preises, zu ihrer Tochter Klara nach New York, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. 

Die Vermögensverkehrsstelle setzte im Mai 1938 den kommissarischen Verwalter Franz Adalbert für die Firma Gebrüder Steiner KG ein. Die Firmenanteile von Jenny Steiner und ihren Töchtern wurden im Wege der Kontrollbank "arisiert" und an Friederike Steiner, Witwe von Albert Steiner, der sich im Mai 1938 das Leben genommen hatte, sowie den Prokuristen Josef Kober übertragen. Das Unternehmen firmierte fortan unter dem Namen Steiner und Kober. Nach dem Ende des NS-Regimes, vom öffentlichen Verwalter Hans Waldhauser geleitet, stand es unter Aufsicht der amerikanischen Alliierten. Josef Kober und Friederike Steiner schlossen 1949 mit Jenny Steiner und ihren drei Töchtern vor der Rückstellungskommission am Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien einen Vergleich und stellten die vor 1938 bestehenden Anteilsverhältnisse wieder her.

Am 14. Oktober 1938 beschlagnahmte die Vermögensverkehrsstelle die Wohnungseinrichtung und sämtliche Kunstwerke von Jenny Steiner und ihrer Tochter Klara, die bei ihr lebte. Der Versuch, die Sammlung außer Landes zu bringen, scheiterte. Auf Veranlassung des Finanzamtes Innere Stadt-Ost erfolgte die Einleitung eines Strafverfahrens (§ 9 Reichsfluchtsteuergesetz) und die Einziehung des gesamten inländischen Vermögens zur Abdeckung von 1,5 Millionen Reichsmark Reichsfluchtsteuer. Wohnungseinrichtung und Kunstsammlung wurden zugunsten des Deutschen Reiches 1940/41 im Dorotheum veräußert. Das Gemälde Wasserschlangen von Klimt gelangte nach Intervention von Gauleiter Josef Bürckel über den Kunsthändler Robert Herzig an dessen Patensohn, den NS-Regisseur Gustav Ucicky. Das Gemälde Der heilige Hieronymus in Waldlandschaft von Alessandro Magnasco erwarb der Kaufmann Dieram Papaziam, der das Bild später, nach einer Abweisung im Rückstellungsverfahren 1949, behalten konnte. Das Historische Museum der Stadt Wien ersteigerte 1941 das Klimt-Gemälde Mäda Primavesi. Schieles Mutter mit 2 Kindern III, dem der Makel der "entarteten Kunst" anhaftete, kam in Verwahrung der Reichskammer der Bildenden Künste in Wien. Das Schiele-Gemälde Häuser am Meer erwarb Josefine Ernst, deren Sohn es 1955 an Rudolf Leopold veräußerte, der es 1994 in die Leopold Museum Privatstiftung einbrachte. Das ebenfalls im Dorotheum versteigerte Gemälde Landhaus am Attersee von Klimt gelangte zu einem nicht näher bekannten Zeitpunkt vor 1978 an Emma Danzinger, die es 1994 testamentarisch der Österreichischen Galerie Belvedere vermachte. Das 1520 entstandene gotische Holzrelief Abschied der Apostel wurde für den "Sonderauftrag Linz" erworben und 1949 an Jenny Steiner rückgestellt.

Jenny Steiner bemühte sich nach 1945 intensiv um die Restitution ihrer Kunstsammlung. Die Stadt Wien gab 1950 Mäda Primavesi auf freiwilliger Basis an Jenny Steiner zurück (nachdem die Rückstellungskommission eine Rückgabe negativ beschieden hatte). Das Bild befindet sich heute im Metropolitan Museum in New York als Schenkung von Klara und Andre Mertens. Mutter mit 2 Kindern III wurde im November 1950 nach einem Rückstellungsvergleich zwischen Jenny Steiner und der Berufsvereinigung Bildender Künstler Österreichs zurückgestellt und von Steiner an die Österreichische Galerie verkauft. Den Verkaufserlös in der Höhe von 20.000 Schilling überließ sie ihrer nach Wien zurückgekehrten Tochter Anna Weinberg. Jenny Steiner starb 1958 in New York; ihrem testamentarischen Wunsch entsprechend wurde sie an der Seite ihres verstorbenen Mannes in der Familiengruft am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.

Nach Etablierung des österreichischen Kunstrückgabegesetzes 1998 wurden mehrere Gemälde aus Steiners Sammlung neuerlich oder erstmals Gegenstand von Rückgabeforderungen. Der Kunstrückgabebeirat empfahl im Oktober 2000 die Rückgabe des Gemäldes Landhaus am Attersee aus dem Belvedere, aber nicht die Rückgabe des Gemäldes Mutter mit 2 Kindern III, dies wurde in einer neuerlichen Befassung nach der Novellierung des Gesetzes vom Beirat 2010 bestätigt. Hinsichtlich Häuser am Meer im Leopold Museum einigte man sich nach langen Verhandlungen 2011 bzw. 2012 auf eine finanzielle Entschädigung an die RechtsnachfolgerInnen von Jenny Steiner sowie auf die Anbringung eines die Geschichte des Bildes erläuternden Zusatztextes. Der Erlös des Verkaufs des Klimt-Werkes Wasserschlangen im Jahr 2013 wurde zwischen der Witwe von Georg Ucicky, Ursula, und den RechtsnachfolgerInnen von Klara Mertens geteilt, die nach einem Schiedsverfahren als alleinige Eigentümerin bestätigt wurde, da ihr das Gemälde bereits 1923 von ihrer Mutter geschenkt worden war. Bis heute sind zahlreiche Werke aus der Sammlung von Jenny Steiner verschwunden, darunter das 1901 von Gustav Klimt posthum gemalte Bildnis Trude Steiner. Am 1. Dezember 2009 beschloss der Wiener Gemeinderat, eine Verkehrsfläche in Wien-Neubau in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Firmensitz in Jenny-Steiner-Weg umzubenennen.

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Publikationen zur Person / Institution

Beschluss des Kunstrückgabebeirats, 10.10.2000, URL: provenienzforschung.gv.at/beiratsbeschluesse/Steiner_Jenny_2000-10-10.pdf (10.3.2026).
Beschluss des Kunstrückgabebeirats, 10.3.2010, URL: provenienzforschung.gv.at/beiratsbeschluesse/Steiner_Jenny_2010-10-08.pdf (10.3.2026).

Brüder Steiner, 75 Jahre Brüder Steiner, Die Geschichte eines Wiener Hauses, Wien 1956.

Olga Kronsteiner, Klimts "Wasserschlangen II": Schneller 60-Millionen-Profit, URL: www.derstandard.at/story/2000038649219/gustav-klimts-wasserschlangen-ii-schneller-60-millionen-profit (10.3.2026).
Olga Kronsteiner, Klimts Gemälde "Wasserschlangen II": Eine Ikone der Gier, URL: www.derstandard.at/story/2000143408563/klimts-gemaelde-wasserschlangen-ii-eine-ikone-der-gier (10.3.2026).

Leopold Museum, Online Bestand, Egon Schiele, Häuser am Meer, URL: onlinecollection.leopoldmuseum.org/objekt/526-die-hauser-am-meer-hauserreihe (10.3.2026).

Sonja Niederacher, Dossier Leopoldmuseum; "Häuser am Meer, URL: www.bmwkms.gv.at/dam/jcr:5e5773b6-df7f-420e-9653-e0a876714e35/dossier_steiner.pdf (10.3.2026).

Archivalien

Archiv der Akademie der Bildenden Künste/Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs, Unterlagen zu Schieles "Mutter mit 2 Kinder".

Archiv der Österreichischen Galerie Belvedere Wien, Zl. 81/1947.
Archiv der Österreichischen Galerie Belvedere Wien, Zl. 19/1951.

BDA-Archiv, Ausfuhrmaterialien, Zl. 8136/38, Klara Grossi.
BDA-Archiv, Restitutionsmaterialien, K. 47/1, PM Jenny Steiner.

Dorotheum Wien, Kunstabteilung, 458. Kunstauktion, 4.-6.3.1940.
Dorotheum Wien, Kunstabteilung, Ölgemälde, Aquarelle, Graphiken, Handzeichnungen, Miniaturen, Antiquitäten. Aus dem Nachlass Reg.-Rat Dr. Heinrich Reimann und aus anderem Besitz, 22.4.-24.4. 1940.
Dorotheum Wien, Kunstabteilung, 463. Kunstauktion, 2.2.-5.2.1941.
Dorotheum Wien, Kunstabteilung, 465. Kunstauktion, 22.4.-23.4.1941.

Landesarchiv Berlin, WGA 2521/59, Anna Weinberg.

Museen der Stadt Wien (Städtische Sammlungen, MA 10), Zl. 31/47, Aktenkonvolut Mäda Primavesi.

NARA, Washington, D.C.; Manifests of Alien Arrivals at Buffalo, Lewiston, Niagara Falls, and Rochester, New York, 1902-1954; July 29, 1943, Jenny Steiner.

OeStA/AdR, E-uReang, ABGF 7131, Klara Mertens.
OeStA/AdR, E-uReang, FIPRO, 10820, Jenny Steiner.
OeStA/AdR, E-uReang, FLD, 13455 und 2459, Klara Mertens.
OeStA/AdR, E-uReang, FLD, 20931, Jenny Steiner.
OeStA/AdR, E-uReang, FLD, 9198, Anna Weinberg.
OeStA/AdR, E-uReang, VVSt, VA 42897, Klara Grossi.
OeStA/AdR, E-uReang, VVSt, VA 46567 und 66566, Jenny Steiner.
OeStA/AdR, E-uReang, VVST, St. 7861, Arisierungsakt Brüder Steiner.

WStLA, BG Innere Stadt, 10 A 990/58, Jenny Steiner.

WStLA, BG Innere Stadt,10 A 343/61, Gustav Ucicky.

WStLA, Handelsgericht Wien,  A 50/98 a, Firma Brüder Steiner KG.

WStLA, Historische Wiener Meldeunterlagen, Meldeauskunft  Jenny Steiner.

WStLA, LG für Strafsachen, Vr 4104/39, Jenny Steiner.

WStLA, M. Abt. 119, A41, VEAV, 7. Bezirk, 625, Brüder Steiner.

WStLA, M. Abt. 119, A41, VEAV, 3. Bezirk, C 43, Papazian Diaram.