Neumann, Richard

Richard Neumann

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7.12.1879 Wien – 1959 New York

Richard Neumann entstammte einer österreichischen Textilunternehmerfamilie. Nach dem Studium der Philosophie an der Universität Heidelberg arbeitete er in leitenden Funktionen in der von seinem Großvater Max Bernhard Neumann gegründeten Weberei- und Druckereifirma in Wien, danach für David Goldmanns Wollwaren Verkaufs AG sowie dessen Guntramsdorfer Stoffedruckfabrik. 1905 heiratete er seine Cousine Alice Neumann im Wiener Stadttempel, 1906 kam die gemeinsame Tochter Marie Dorothee, genannt Dora, zur Welt. Das Bundesdenkmalamt besichtigte 1921 die Gemälde, Kupferstiche, Fayencen, Majoliken, Bronzen, Skulpturen und alten Möbel im Parterre und ersten Stock der Villa Neumann in der Hasenauerstraße 30, Wien 19, und stellte die denkmalpflegerische Schutzwürdigkeit der Sammlung fest, weshalb es auch die Räume als "für normale Wohnzwecke nicht geeignet" bewertete.

Nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich erfolgte im Zuge der Vermögensanmeldung eine Schätzung der 45 Positionen umfassenden Gemäldesammlung durch den Direktor der Albertina Otto Benesch und den Sachverständigen des Dorotheums Ottokar Weigel, die sich auf 60.750 Reichsmark belief. Die übrigen Kunst- und Einrichtungsgegenstände in der Wohnung wurden vom Dorotheumsexperten Fritz Polt mit rund 4.000 Reichsmark bewertet. Während Richard und Alice Neumann vor der NS-Verfolgung in die Schweiz, später über Paris und Spanien nach Kuba flüchteten, blieb ihre Tochter Dora, geschiedene Selldorf, die 1934 aus der Israelitischen Kultusgemeinde ausgetreten war, vorerst in Wien und wohnte in der Villa Neumann, die 1942 "arisiert" werden sollte. Im Oktober 1938 stellte die Bezirkshauptmannschaft Döbling sechs Objekte der Kunstsammlung sicher und übergab sie zur Verwahrung an das Kunsthistorische Museum (KHM): zwei Flügel eines Altares mit Stiftern von Marten van Heemskerck, die Gemälde von Alessandro Magnasco, Wäscherinnen am Fluss und Giovanni Battista Pittoni, Opferszene (Hannibals Schwur) sowie zwei Statuetten von Alessandro Algardi, darstellend Papst Innocenz X. und den Hl. Philippus Neri. In weiterer Folge erwarb das KHM diese Kunstwerke von Dora Selldorf, die von ihrem Vater zur Veräußerung ermächtigt worden war, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Zwei Kremser Schmidt-Gemälde gelangten so in den Besitz der Stadt Krems. Andere Kunstwerke, deren Ausfuhr die Zentralstelle für Denkmalschutz genehmigt hatte, verkaufte das Ehepaar Neumann in Paris.

Nach 1945 forderte Richard Neumann von Kuba und später von New York aus, das entzogene Vermögen, insbesondere die beiden Heemskerck-Tafeln, zurück. Nach Abweisung in erster Instanz gab die Rückstellungsoberkommission beim Oberlandesgericht seinem Antrag nach dem Dritten Rückstellungsgesetz am 29. Jänner 1952 statt. Der Oberste Gerichtshof bestätigte das Urteil am 15. März 1952, nach welchem die beiden Altarflügel gegen Rückerstattung des in Schilling umgerechneten Kaufbetrags zurückzugeben waren. Das Bundesdenkmalamt gab die Bilder jedoch nicht zur Ausfuhr frei. Stattdessen trat das KHM mit Richard Neumann in Tausch- und Erwerbsverhandlungen. 1953 erhielt Neumann in New York ein Gemälde aus dem KHM, dessen Abgabe von der Tauschkommission genehmigt worden war, sowie den aus der Abgabe zweier weiterer Gemälde lukrierten Erlös von 3.000 US-Dollar. Im Gegenzug gingen die Heemskerck-Altarflügel in österreichisches Bundeseigentum über, ebenso und als Widmung Neumanns die beiden Algardi-Statuetten sowie die Gemälde von Magnasco und Pittoni. Die Kremser Schmidt-Gemälde blieben in Krems. 1966 forderte die inzwischen verwitwete Alice Neumann die Heemskerck-Altarflügel aus dem KHM erfolglos zurück. Auch der 2004 durch den Enkelsohn Neumanns erhobene Anspruch auf alle aus der Sammlung Neumann stammenden Kunstwerke führte vorerst zu keiner Rückgabe. 2007 restituierte das Weinstadtmuseum Krems die beiden Kremser Schmidt-Gemälde. Nach der Novellierung des Kunstrückgabegesetzes 2009 empfahl der Beirat 2010 schließlich die Restitution aus dem KHM unter der Voraussetzung, dass für die Heemskerck-Tafeln sowohl der valorisierte Kaufbetrag als auch das aus dem KHM abgegebene Gemälde (bzw. dessen Gegenwert) rückerstattet werde. 2011 wurde die Empfehlung umgesetzt. 2013 restituierte die Republik Frankreich sechs Werke der Sammlung Neumann, weitere zwei Gemälde konnten aus dem Kunsthandel zurückerworben werden. Seit 2021 befinden sich 14 der 16 zurückerlangten Kunstgegenstände der Sammlung Neumann als Dauerleihgaben im Worcester Art Museum in Massachusetts.

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Publikationen zur Person / Institution

Beschluss des Kunstrückgabebeirats, Richard Neumann, 16.3.2005, URL: provenienzforschung.gv.at/beiratsbeschluesse/Neumann_Richard_2005-03-16.pdf (9.1.2023).
Beschluss des Kunstrückgabebeirats, Richard Neumann, 10.6.2010, URL: provenienzforschung.gv.at/beiratsbeschluesse/Neumann_Richard_2010-06-10.pdf (9.1.2023).

Richard Duckett, 'What the Nazis Stole from Richard Neumann (and the search to get it back)' opening at WAM, in: Telegram & Gazette, 4.4.2021, URL: eu.telegram.com/story/entertainment/2021/04/04/what-the-nazis-stole-worcester-art-museum-shows-art-endures/7001839002/ (19.1.2023).

Olga Kronsteiner, In Erinnerung an Richard Neumann, der vor den Nazis floh, in: Der Standard, 25.4.2021, URL: www.derstandard.at/story/2000126084605/in-erinnerung-an-richard-neumann-der-vor-den-nazis-floh (10.1.2023).

Sophie Lillie, Was einmal war. Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens (= Bibliothek des Raubes 8), Wien 2003.

Press release, Worcester Art Museum, What the Nazis Stole from Richard Neumann (and the search to get it back), 10 April 2021 – 16 January 2022, URL: www.worcesterart.org/news/press-room/press-releases/PR/worcester-art-museum-what-the-nazis-stole-from-richard-neumann-press-release.pdf (19.1.2023).

Thomas Trenkler, Paris restituiert sechs Werke der Sammlung Neumann, in: Der Standard, 1.3.2013, URL: www.derstandard.at/story/1362107178091/paris-restituiert-sechs-werke-der-sammlung-neumann (9.1.2023).

Archivalien

BDA-Archiv, historisches und topografisches Archiv, Wohnungsanforderungen 1330/1921, Richard Neumann, Wien 19, Hasenauerstraße 30.
BDA-Archiv, Restitutionsmaterialien, PM Richard Neumann.

KHM-Archiv, Direktionsakten: 62/ED/1942; Verwaltungsakten: 676/VK/1950, 793/VK/1950, 242/VK/1952, 48/VK/1953; Restitutionsunterlagen: XIII 10, 2/XXI/GD-Kult/1949; XIII 61, XIII 93.
KHM, Gemäldegalerie, Inventar, 63/GG/1951, 36/GG/1952, 34/GG/1958, 22/GG/1966, 24/GG/2007, 24/GG/2008.
KHM, Kunstkammer, Inventar, 20/PL/1939, 32/PL/1948, 208/PL/1966, 120/KK/2003, 158/KK/2011.

OeStA/AdR, E-uReang, FLD, Zl. 16754, Richard Neumann.
OeStA/AdR, E-uReang, VVSt, VA 13022, Richard Neumann.
OeStA/AdR, E-uReang, VVSt, VA 38289, Dora Selldorf.